One more pour la route

Paris. Als ich noch ein kleiner Junge war, haben meine Eltern oft Konzertabende besucht. Bei ihrer Rückkehr wirkten sie immer sehr aufgedreht. Vor Schwärmerei über das hervorragend gespielte Klavierstück von Mozart oder die wunderbare Stimme der Schubertinterpretin kriegten sie sich kaum ein.

Jetzt werde ich schon selbst zu Konzertabenden eingeladen
Nun habe ich ein paar Jahre mehr auf dem Buckel und werde selbst zu Konzertabenden eingeladen. In Paris ist dafür allerdings ein modernerer Name gefunden worden: Nämlich Oliver Peel Session. Doch mit dem Namen hat sich auch die Musikrichtung verändert. Statt altbewährt Klassischem bekommt man junge, internationale Bands zu hören, die sich zwischen allen möglichen Genres bewegen.

Oliver organisiert zweimal im Monat Konzerte in seiner Wohnung
Hinter dem ausgefallenen Namen verbirgt sich der von Montabauer nach Paris ausgewanderte Oliver, dessen Pseudonym an den berühmten Radiomoderator John Peel erinnert. Das Konzept des Engländers lautete folgendermaßen: “A balance between things that you know people will like and things that you think people will like.” In knappen Worten wäre somit auch Olivers Musikphilosophie zusammengefasst. Ungefähr zweimal im Monat organisiert er Konzerte in seiner Wohnung, die einen Steinwurf vom Hôtel des Invalides entfernt liegt.

Die Prozedur ist immer dieselbe: Etwa drei Tage vor dem Konzert bekomme ich eine Mail zugeschickt, die aus einer kurzen Beschreibung der Künstler besteht. Sofort ergreift mich eine unbezwingbare Lust, diese kennenzulernen. Ich bestätige also die Einladung und stehe wenige Tage später mit einer Flasche Wein vor Olivers Tür.

Der kleinste Konzertsaal von Paris
Sein Wohnzimmer ist dann bereits zum kleinsten Konzertsaal von Paris umgestaltet worden. Der Platz vorm Ofen wird als Bühne verwendet und am andern Ende des Raums befindet sich ein Tisch mit Leckerein und Wein. Meistens kommen zwischen 30 und 50 Besuchern. Dass Oliver und seine bezaubernde Partnerin Cécile diese Sessions bereits seit einigen Jahren zelebrieren, lässt sich an den vielen Rotweinflecken ablesen, die überall auf dem ehemals vermutlich gelben Teppich verteilt sind.

Musikverrückt ist untertrieben
Monsieur Peel als Musikverrückten zu bezeichnen, ist stark untertrieben. Während der Woche besucht er fast jeden Abend ein Konzert, wovon man sich auf seiner hervorragend gestalteten Webseite meinzuhausemeinblog ein eigenes Bild verschaffen kann. Mittlerweile hat er sich in der Musikszene einen Namen gemacht, denn um das Einladen von Bands braucht er sich kaum noch zu kümmern.

Diese rennen ihm regelrecht die Tür ein. Für jede stellt es eine Herausforderung dar, in seinem Salon zu spielen, da sie nicht auf die Technik eines großen Konzertsaals zurückgreifen können. Aus Rücksicht vor den Nachbarn verwandeln sich auch die heftigsten Nummern zu mieterfreundlichen Schmusesongs, was der Qualität keinen Abbruch tut. Von den knapp zehn Veranstaltungen, die ich bislang erlebt habe, hat mich noch keine enttäuscht.

Paris-Premiere in ausgefallenen Strumpfhosen
Nach dem ersten Glas Wein setze ich mich wie die meisten Besucher auf den Boden und spitze die Ohren. Die Session vom vergangenen Samstag wird von Elizabeth Devlin aus New York eröffnet. Dass sie im achten Monat schwanger ist, hindert sie nicht daran, sich für ihre Paris-Premiere mit einem eleganten schwarzen Glitzerkleid sowie ausgefallenen Strumpfhosen in Schale zu werfen.

Als Instrument dient ihr eine sogenannte Autoharp, die vor allem in der Folk- und Country-Musik Amerikas verwendet wird. Da Devlins Exemplar ganz schwarz ist, hat sie ihr den Namen “Cash” verliehen. Ihre ersten Songs gefallen mir auf Anhieb, auch wenn sich ihre Stimme für meinen Geschmack zu häufig in die hohen Tonbereiche begibt. Das ändert sich bei Broken’n Beat’n, einem Lied, das sie der Blues-Legende Robert Johnson gewidmet hat.

Eine New Yorkerin ohne Job, Wohnung und Liebhaber
Sie habe den Song in einem Moment ihres Lebens geschrieben, als ihr alle Dinge fehlten, nach denen jeder New Yorker normalerweise strebe: Job, Wohnung, Liebhaber. Stattdessen hatte sie diesen Song in der Tasche, der ihrem Repertoire gut tut, da nun ihre tiefe Stimme den Raum erfüllt und einen Hauch von Delta Blues verbreitet. Spielerisch scheint Devlin alle Stimmlagen zu beherrschen.

Ein anderes Musikstück ist von der tragischen Liebesgeschichte zwischen Héloïse und Abélard inspiriert. Der Refrain besteht aus einem kurzen Dialog der beiden Liebenden, der einen schönen Reim ergibt und die Gäste zum Schmunzeln bringt: “Bonjour, Bonsoir.” – “Comment ça va?” – “Bien, et toi.” – “Comme çi, comme ça.”

Ihren letzten Song widmet sie dem Hauskater D’Artagnan, der es sich mittlerweile direkt vor der Sängerin gemütlich gemacht hat. Wahrscheinlich konnte er, ähnlich wie die Zuhörenden, den ätherischen Klängen der Zither nicht widerstehen.

Nur schade, dass sich nicht alle so selbstvergessen auf dem Boden herumwälzen können. Die letzten Zeilen dieses Songs verpassen mir dann noch die nötige Dosis Melancholie, die mir beim Musikhören immer besonders gut gefällt: “In the city of eight millions, today, I spoke to no one.”

In der Melancholiewanne
Dass ich anschließend in eine regelrechte Melancholiewanne eingetunkt werde, verdanke ich Heligoland, der zweiten Band des Abends. Ursprünglich stammen ihre Mitglieder aus Australien, doch seit vier Jahren leben sie in Paris, da ihnen Europa mehr Tourneemöglichkeiten bietet. Sie setzen sich aus der Sängerin (Karen Vogt), deren Stimme mich sofort an Beth Gibbons, die Frontfrau von Portishead erinnert sowie aus einem Bassisten (Steve Wheeler) und einem Gitarristen (Dave Olliffe) zusammen. Ihr Schlagzeuger ist in Form eines Computers anwesend.

Die Sucht nach sphärischen Klängen steigert sich
Die drei sind perfekt aufeinander eingespielt. Ihre Songs wirken von ihrer Machart her komplex. Die Gitarre arbeitet mit viel Hall, was auf das Publikum großen Eindruck macht, denn die Sucht nach sphärischen Klängen steigert sich von Lied zu Lied. Allerdings habe ich den Eindruck, dass viele ähnlich klingen. Träumerische Elemente durchziehen ein jedes von ihnen. Auch finden sie kein Ende. Die Abschlüsse wirken oft abrupt und passen nicht zum vorherigen Teil.

Vogt berichtet von einer Kritik, in der geschrieben stand, die Gruppe nehme sich viel Zeit, um Dinge zu tun, was nur eine höfliche Umschreibung für Faulheit sei, so ihre Auslegung. Dabei beweist ihr Repertoire, dass sie bereits viel Zeit im Musikstudio verbracht haben.

Ein Wille zu mehr “Drive” ist ihrem jüngsten Song Sixth month after the chase anzumerken. Hierbei bekomme ich sogar Lust zum Tanzen, was sich bei der Menschenmenge, die auf dem Boden kauert, als schwierig gestalten könnte.

Zwei Bier für ein Chanson
Bei der Ankündigung des letzten Liedes ertönen viele bedauerliche No’s aus dem Publikum. Der Hausherr ist besorgt um die Heimkehr seiner Gäste, deshalb bittet er: “One more pour la route.” Nachdem der Sängerin zusätzlich noch zwei Bier für ein weiteres Chanson in Aussicht gestellt werden, greift sie zur Gitarre und erhebt ihre elegische Stimme. Der anschließende Applaus will dann einfach nicht mehr verebben.

Der Gastgeber verdient damit keinen Cent
Wie es sich für jedes vollkommene Konzert gehört, werden auch Olivers Sessions mit einer After-Show-Party bekrönt. Zunächst geht ein Hut herum, in den jeder etwas hineinlegen kann. Alles für die Musiker, versteht sich. Der Gastgeber verdient an einem solchen Abend keinen Cent. Die von den Bands mitgebrachten Platten finden reichlich Absatz und die Gelegenheit wird genutzt, um sich noch ein wenig mit ihren Machern zu unterhalten. Oft kommt es vor, dass es einen Gast noch in den Fingern juckt, er sich eine Gitarre schnappt und für ein Ständchen am späten Abend sorgt.

Berauscht durch Musik und Wein trete ich langsam den Heimweg an, bereits in Vorfreude auf das Anhören der erbeuteten Plattenschätze.

Die Schwärmerei meiner Eltern beginne ich zu verstehen.

Weiter so, Oliver Peel.

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Über blogkultur

Ziel dieses Kollektiv-Blogs ist, unterschiedliche Perspektiven auf das zu gewinnen, was die hier Schreibenden unter Kultur verstehen. Das können Veranstaltungshinweise sein, Impressionen von einem Sonntagsspaziergang, Theater- oder Museumsbesuche, Reiseeindrücke. Mal sehen!
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